| Volker
Schlöndorff |
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Vom "absurdesten Politkrimi der deutschen
Nachkriegs-Geschichte" war die Rede, als Anfang der
neunziger Jahre publik geworden war, dass sich ein Dutzend
gesuchter RAF-Terroristen zehn Jahre lang in der DDR versteckt
hatte. Volker Schlöndorff ("Die Blechtrommel") hat
daraus einen Film gemacht. "Die
Stille nach dem Schuss" schildert – frei nach den
Erinnerungen von Inge Viett – den Weg einer RAF-Aussteigerin,
die mit Hilfe der Stasi in der DDR ein neues Leben beginnt und
allmählich mit dem spießigen Alltag im
Schrebergarten-Sozialismus in Konflikt gerät.
Die RAF ist längst von den Titelseiten verschwunden und im
Grunde auch geschichtlich abgehakt. Warum jetzt dieser Film über
dieses Thema?
Als ich die Zeitungsnotiz über die in der DDR untergetauchten
Terroristen gelesen hatte, habe ich mich als erstes gefragt: Wie
sind die RAF-Leute mit dem Leben da zurecht gekommen? Das war für
mich eine spannende menschliche Geschichte – ganz egal, ob das
Phänomen geschichtlich abgehakt ist oder nicht. Der Film
handelt doch eigentlich mehr vom Leben in der DDR als vom Leben
in der RAF.
Trotzdem fällt auf, dass Sie in ihrer Karriere immer wieder das
Thema Terrorismus gestreift haben: als Regisseur von "Die
verlorene Ehre der Katharina Blum" und "Deutschland im
Herbst", als Produzent von "Stammheim" und
"Die bleierne Zeit" ...
"Die
Stille nach dem Schuss" ist schon auch eine Art Rückblick:
Was aus den Utopien geworden ist und wie das alles zu Ende
gegangen ist. Aber nochmals einen Film über die RAF zu machen
– das hätte mich nicht gereizt. Wichtiger waren die
Erfahrungen, die ich in den letzten acht Jahren als Direktor der
Babelsberg-Studios mit 700 Mitarbeitern, die meisten davon aus
der ehemaligen DDR, gesammelt habe. Das hat meinen Blick und
meine Neugier beeinflusst: Wie war denn das Leben bei euch
vorher? Und warum gibt es so viele, die dem nachtrauern?
Mit einer solchen Neugier stehen Sie als westdeutscher
Regisseur aber ziemlich allein da. Fast alle Filme über die
ehemalige DDR wurden von Ostdeutschen – wie Andreas Kleinert
oder Leander Haußmann – gedreht.
Mich verwundert das nicht. Es war schließlich deren Leben, das
auf den Kopf gestellt worden ist. Alles, was sie vom
Kindergarten über die Schule bis zum Beruf gelernt hatten, galt
plötzlich nicht mehr. Und dass sie dann reflektieren und
vergleichen – wie war mein Leben früher, wie ist mein Leben
jetzt? – ist doch verständlich.
Was war für sie das Faszinierende am DDR-Alltag, den Sie ja
sehr liebevoll gezeichnet haben?
Wenn man die DDR einfach nur als Unrechtsstaat denunziert hätte,
wäre das witzlos gewesen. Die interessantere Frage ist doch,
warum sich jemand aus der linken Szene und von anarchistischer
Charakternatur dort so wohl gefühlt hat. Die Hauptfigur findet
erst mal ihre Ideale – Konsumverzicht, Solidarität mit der
dritten Welt – verwirklicht. Erst allmählich merkt sie, dass
die Slogans bloß Lippenbekenntnisse sind und die Leute in 40
Jahren ganz andere Erfahrungen gemacht haben.
Es gab bisher sehr wenige deutsche Filme, die Terroristen
nicht als Karikaturen zeichnen, sondern als ganz normale
Menschen. War der politische Druck zu groß?
Es gab den Fernsehfilm "Todesspiel" ...
Das meine ich mit Karikaturen-Filmen, übrigens auch "Stammheim"
...
Der Reinhard Hauff wollte weiß Gott keine Karikaturen machen.
Aber weil diese Leute diese unsäglichen Parolen dauernd im
Munde führen, wirken sie zum Schluss in der Tat nicht mehr wie
richtige Menschen. Diese Gefahr hatten wir bei unserem neuen
Film auch – im ersten Teil, wenn die RAF-Leute ihre
Diskussionen führen. Andererseits haben sich die Terroristen
haben sich selbst zu Karikaturen gemacht, weil sie keine
menschliche Dimension mehr hatten. Sie befanden sich in einer
solchen Sackgasse, dass man nur zu gut verstehen kann, dass die
Hauptfigur aussteigt.
Man hört, das sie das Drehbuch ihres Films entschärfen
mussten.
Das ist absoluter Unsinn. Als wir vor acht Jahren das Projekt
vorschlugen, haben wir einfach kein Geld dafür gefunden. Aber
als ich letztes Jahr einen neuen Anlauf unternahm, haben der MDR
und die mitteldeutsche Filmförderung sofort mitgemacht. Es gab
von keiner Seite irgendeinen Einfluss, weder auf das Drehbuch,
noch auf die Schnittfassung.
Inge Viett hat sich von dem Film distanziert und ihnen
"Plünderung ihres Lebens" vorgeworfen.
Das hat mich nicht überrascht. Inge Viett hat auch heute noch
eine sehr klare politische Einstellung, die nicht meine ist. Ich
konnte ihr Selbstbild nicht übernehmen, und deshalb ist klar,
dass sie mit vielen Sachen in diesem Film nichts anfangen kann.
Die Frau im Film soll ja auch gar nicht sie sein. Es ist eine
ausgedachte Figur, die viele Episoden aus Inge Vietts Leben,
aber auch dem Leben anderer Terroristen, die in der DDR waren,
übernimmt. Wir haben uns inzwischen außergerichtlich geeinigt,
weil ich ihr nicht ein Stück von ihrem Leben klauen wollte,
ohne sie dafür zu bezahlen.
In der deutschen Presse hagelte es nach der Premiere bei der
Berlinale die für einen Schlöndorff-Film fast schon üblichen
verrisse. Schmerzt Sie das noch?
Ich hätte in der Tat Zeit gehabt, mir ein dickes Fell zuzulegen.
Aber es hat mich trotzdem sehr überrascht und auch verletzt,
denn wir wollten eigentlich nichts anderes, als einen anständigen,
unaufdringlichen Film über deutsche Menschen zu machen. Dass
einem das um die Ohren gehauen wird, hat mich völlig verblüfft.
Damit hat keiner gerechnet, dass ausgerechnet diese stille
Geschichte eine so aggressive Kritik bekommen würde. Es gibt
doch so wenig Ansätze, deutsche Geschichten, die nur bei uns
passieren können, zu erzählen, dass man ein bisschen
gelassener darauf reagieren könnte.
War es eine Genugtuung, dass die beiden Hauptdarstellerinnen
einen silbernen Bären bekamen?
Die Ausländer sehen den Film ganz anders als wir. In "Le
Monde" und der "Republicca" hat er hervorragende
Kritiken bekommen. Auch in Amerika ist er sehr postitiv
aufgenommen worden. Diese Haltung hat sich auch in der
Berlinale-Jury, die ja international ist, durchgesetzt. Zum Glück,
denn für einen Regisseur gibt es nicht Schöneres, als wenn
seine Schauspieler Preise bekommen. Das sind ja alles ganz
unbekannte Leute, die noch nie Kinofilme gemacht haben.
Interview: Klaus-Peter Eichele

Die
Fragestellung ist verführerisch: Was hat eigentlich ein Dutzend
antiautoritär und popkulturell geschulter Aktivisten der Rote
Armee Fraktion bewogen, ausgerechnet in der schrebergarten-spießigen
DDR Unterschlupf zu suchen? Und umgekehrt: Wie kam die DDR dazu,
ihre internationale Reputation aufs Spiel zu setzen, indem sie
offiziell auch vom Osten geächtete Terroristen versteckte?
Es geht um Rita Vogt (Bibiana Beglau): Die junge Frau rutscht an
fangs "aus Liebe zum Andi" in die RAF, überfällt fröhlich
Banken, erschießt aus Dummheit einen Polizisten und hat Anfang
der achtziger Jahre die Schnauze voll vom bleiernen Untergrund.
Mehr aus Mitleid denn aus Kalkül verhilft ihr die Stasi ("Wir
sind doch auch Romantiker") zu einer neuen, bürgerlichen
Existenz im Osten.
Bis hierhin ist "Die Stille nach dem Schluss" eine
herbe Enttäuschung. Volker Schlöndorff, der sich einst mit
Filmen wie "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" und
"Deutschland im Herbst" der Rübe-ab-Hysterie
widersetzte, handelt die RAF-Geschichte im Schnellwaschgang mit
rauchenden Colts und hohlem Revolutions-Geschwätz ab.
Solche Bilder von depperten Politschurken wurden schon in Filmen
wie "Stammheim" oder "Todesspiel" bis zum
Brechreiz gepflegt. Doch analog zu seiner Hauptfigur rafft sich
auch der Film nach einer halben Stunde zu einem neuen Anfang auf.
Es mag an der Mischung zwischen Neugier eines West-Regisseurs
und der Abgeklärtheit eines alten Ossi-Hasen (Drehbuchautor
Wolf gang Kohlhaase) liegen, dass "Die Stille nach dem
Schuss" nun zu großer Form aufläuft. Beider Blick auf den
DDR-Alltag ist ehrlich, präzise und zugleich voller Gespür für
die grotesken Auswüchse.
Statt Solidarität der Werktätigen erlebt Rita Missgunst und
Denunziantentum am Arbeitsplatz, statt sozialistischer
Aufbruchstimmung Kleinbürgermief der trostlosesten Sorte.
Und doch begegnet sie auch jener Nestwärme, mit der schon
Leander Haußmann in "Sonnenallee"
die westliche Unrechtsstaat-Keule pariert hat. Selbst die Stasi
wird nicht einfach abdenunziert, sondern erscheint als Haufen
idealistischer Wirrköpfe.
Politisch wertvoll ist "Die Stille nach dem Schuss"
aber vor allem deswegen, weil er sich nicht dem verzerrten
Phantom-Bild vom eiskalten Terroristen beugt, sondern den
Menschen hinter der Fahndungs-Fratze zeigt.
Da darf es dann auch ruhig mal ein bisschen gefühlig zugehen.
Die Zärtlichkeit, mit der sich Schlöndorff auf die Beziehung
zwischen seiner Ex-Terroristin und einer alkoholkranken
Fabrikarbeiterin (Nadja Uhl) stürzt, gehört jedenfalls zum
Besten, was das deutsche Kino in den letzten Jahren an
Liebesgeschichte zu bieten hatte. che
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Dieser
Artikel erscheint voraussichtlich am 5. Juni 2001. Sie können
ihn jetzt bestellen und wir verschicken ihn, sobald er
verfügbar ist.
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FSK:
Freigegeben ab 12 Jahren
Darsteller: Bibiana
Beglau Nadja
Uhl
Regie: Volker
Schlöndorff
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Infos
zu diesem Titel
• Fernsehnorm: PAL
• Sprache: Deutsch
• Dolby, Surround Sound
• Laufzeit: 98 Minuten
• Video Erscheinungstermin: 5. Juni 2001
• ASIN: B00005K8N2
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