Diese relative Unabhängigkeit schien in Gefahr, als das österreichische
Haus Habsburg begann, in seinen Gebieten zur Wahrung seiner Einkünfte
und Rechte, auswärtige Verwalter, "Vögte", einzusetzen, ohne
auf lokale Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen. Es kam zu Unruhen in den
habsburgischen Gebieten. Die Lage spitzte sich noch weiter zu, als der
Habsburger Rudolf IV. 1273 zum deutschen König gewählt wurde. Weil er
aber in Auseinandersetzungen im fernen Böhmen verwickelt war, kehrte in
den 70er Jahren Ruhe in den Waldstätten ein. Erst mit dem Tod Rudolfs
1291 wurde die politische Lage wieder bedrohlich, da die Wahl des
deutschen König umstritten war. Vertreter der drei Waldstätte Uri,
Schwyz und Unterwalden schlossen ein Bündnis, das "so Gott will,
auf ewig Bestand haben soll". Dieser Beistandspakt zielte nicht auf
Ungehorsam den eigenen Herren gegenüber ab, sondern auf die von aussen
aufgezwungene Verwaltung und deren Richter. Er wird als eigentlicher
"Geburtsschein" der Eidgenossenschaft angesehen. Aufbewahrt
wird das Dokument im Bundesbriefarchiv in Schwyz und das auf ihm
vermerkte Datum des 1. August wird heute als Schweizer Nationalfeiertag
begangen.
6. Freiheitserwachen!
Meine Damen und Herren, er ist da: Wilhelm Tell!
Diese Entwicklung allein wäre in der feudalen Gesellschaft der
damaligen Zeit höchstens mit Überraschung zur Kenntnis genommen worden.
Ihre Glorifizierung zum Freiheitskampf erfuhr sie erst durch spätere
Chroniken und durch literarische Überarbeitungen. Die bekannteste ist
Schillers Tell-Drama von 1804, die zum Allgemeingut deutscher Literatur
gehört. Nach ihr haben 33 Vertreter der Waldstätte ihren Eid
geschworen, den tyrannischen Landvogt Gessler bekämpft und durch den
Apfelschuss Tells und die spätere Ermordung Gesslers in der Hohlen
Gasse bei Küssnacht am Rigi, den Weg frei gemacht zu einem neuen
Zeitalter der Freiheit des Einzelnen.
1332 verbündete sich das bisher habsburgische Luzern mit den Waldstätten,
um sich von seinen Stadtherren zu befreien. Es folgten ihm Glarus und
Zug 1352. Zürich hatte eine von den Zünften angeführte Revolution
hinter sich und befürchtete eine Rückkehr der Adligen. Es schloss sich
1351 den Waldstätten an. Bern kam 1353 hinzu und hielt sich so den Rücken
frei für sein Bündnissystem im Westen der Schweiz. Die Eidgenossen
errangen einige glänzende Siege über die Habsburger und deren adlige
Verbündete, so bei Sempach 1386 und Näfels 1388. Dies zu einer Zeit da
der Schwäbische Städtebund in Süddeutschland unterlag.
Das Bündnis der "Acht alten Orte", das in Wirklichkeit ein
Konglomerat von Verträgen zwischen den verschiedenen Partnern war,
manchmal von nur drei, vier oder fünf Orten, blieb sehr locker. Es führte
aber dennoch dazu, dass sich am Ende des 14. Jahrhunderts ein selbständiges
staatliches Gebilde innerhalb des Römischen Reiches abzeichnete.
Einzigartig für diese Zeit war, dass sich nach der Vertreibung der
Habsburger und der Schwächung des einheimischen Adels eine Bürgergesellschaft
bildete. Macht und Boden gingen von den Adligen an Städte und Zünfte
und an die bäuerlichen Landorte über.
Von ihren miltärischen Erfolgen angespornt strebten die eidgenössischen
Orte nach territorialer Expansion. Die Siege der eidgenössischen
Fussheere über Karl den Kühnen von Burgund bei Grandson, Murten und
Nancy (1474-77) trugen zum Ruhm eidgenössischer Waffenkunst nur bei.
Freiburg, Solothurn, Basel, Schaffhausen und Appenzell erweiterten die
Acht-Örtige Eidgenossenschaft zu einer Dreizehn-Örtigen. Nach dem
Schwabenkrieg 1499 gegen Kaiser Maximilian I. von Österreich erlangte
die Eidgenossenschaft ihre Unabhängigkeit vom Römischen Reich.
1513 waren die Eidgenossen auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Sie waren
sogar Schutzherren des Herzogtums Mailand. In der Schlacht von Marignano
1515 unterlagen sie aber einer Übermacht französischer und
venezianischer Truppen. Diese Niederlage führte dazu, dass sich die
Eidgenossen von den internationalen Schauplätzen zurückzogen, ihre
Expansionspolitik einstellten und ihre Neutralität erklärten.
Nichtsdestotrotz dienten aber Schweizer Söldner noch während der nächsten
Jahrhunderte in fremden Armeen, oft sogar auf beiden Seiten der Kriegführenden!
Als Relikt aus dieser Zeit verfügt der Vatikan heute noch über eine
Schweizer Garde! Erst nach 1709, als im Spanischen Erbfolgekrieg grosse
Schweizer Regimenter gegeneinander kämpften, nahm das Söldnerwesen ab!
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